Deutschlandfunk:
Mal eben ans Flussufer gehen und Salat, Gemüse und Küchenkräuter aus öffentlichen Rabatten ernten - so weit wie die südenglische Kleinstadt Totnes ist man in Berlin-Kreuzberg noch nicht.
Aber der Weg zum Ziel einer umwelt- und menschenfreundlich umgestalteten Solidargemeinschaft nach ökologischen Selbstversorgungsprinzipien folgt den gleichen Koordinaten: dem Konzept von Rob Hopkins aus Totnes.
Dem Gründer der inzwischen internationalen Transition-Town-Bewegung.
Als erste Initiative in Deutschland proben die KiezwandlerSO36 in Berlin-Kreuzberg seit 2008 den Übergang ins postfossile Zeitalter.
WDR/DLF 2011
von Nikolai Rohmann
Auf dem Kinderbauernhof im Görlitzer Park tummeln sich eigentlich jede Menge Kinder, doch jeden Dienstagabend treffen sich hier die „Kiezwandler“ aus Berlin. Sie gehen an diesen Abenden der Frage nach: Wie können wir - vor unserer Haustür beginnend - die Welt gemeinsam erdölunabhängig, klimafreundlich und lebenswert umgestalten?
"Grüner Dienstag" im Kinderbauernhof
Seit Stunden fällt Regen auf die Straßen von Berlin Kreuzberg. Ein eisiger Wind pfeift durch die weiten Straßen. In der Dunkelheit wartet der Kinderbauernhof im Görlitzer Park auf Menschen, die sich hier am „Grünen Dienstag“ treffen möchten. Der Weg zum Eingang ist von einer großen und tiefen Pfütze versperrt. Über Holzpaletten steigend erreicht man aber doch trockenen Fußes den Eingang. Es ist kurz nach 19 Uhr und die ersten Personen treffen ein. Der große Raum im Kinderbauernhof wird für den Abend umgeräumt. Ein Stuhlkreis entsteht und ein Infostand mit Flyern und Büchern wird aufgebaut. Immer mehr Leute aus den verschiedensten Bezirken Berlins treffen ein und bedienen sich am klimafreundlichen Buffet. Couscous-Salat, Grünkohl zur kalten Jahreszeit, Bio-Pils und Fruchtsäfte.
Weiterlesen: http://www.geozeit.de/?id=417
Weiterlesen auf deutsch oder türkisch: http://www.quartiersmanagement-wrangelkiez.de/fileadmin/user_upload/pdf/2011/03_Mar/Wrangel40.pdf
rbbonline | Archiv
So 04.09.11 18:30
Fernsehbeitrag (hier klicken)
Ein eigenes Beet in der Großstadt, ernten direkt am Wegesrand? Inmitten von Autos und Hundekot müssen die urbanen Gärtner zwar manchmal hart im Nehmen sein, schaffen sich und allen anderen jedoch ein kleines Fleckchen Erde, als Ausgleich zur asphaltierten Stadt.
So pflanzt Eckart Müller Kürbisse, Erbsen und Zucchini um die Baumscheiben direkt vor seiner Haustür. Dafür benötigt er nur ab und an Wasser, das er aus den öffentlichen Pumpen beziehen kann. Gemeinsam mit den "Kiezwandlern" gießt der 45Jährige auch die neuen Apfelbäume im Görlitzer Park. Ein Projekt von Nachbarn für Nachbarn, und jeder darf am Ende auch etwas ernten.
Da schwebt gleich ein Hauch von Landidylle in der Luft, bei dem man fast den Trubel der Stadt vergessen könnte.
Weiterlesen: http://www.freitag.de/alltag/1105-blo-nicht-zu-streng-sein
Die Kiezwandler im Radio: 09.11.2010 · 13:07 Uhr Über fantasievolle Initiativen, die in der Stadt etwas bewegen wollen Von Jantje Hannover
Oya Magazin im September, Ausgabe 04/ 2010
Die junge Pflanze der Transition-Town-Bewegung schlägt langsam aber sicher auch in Deutschland Wurzeln. Monika Frank, Mitbegründerin einer der ersten Transition-Gruppen in Berlin, erklärt, wie »Städte im Übergang« in die Zukunft weisen.
Manchmal wird aus einer kleinen Idee eine weltumspannende Bewegung. Das Konzept der Transition Towns (Energie- und Kulturwendestädte) ist auf dem besten Weg dazu. Was dazu noch notwendig ist, sind viele Sprecherinnen und Sprecher, Praktiker und Visionärinnen in der Bevölkerung und unter den Entscheidungsträgern. Wir alle sind gefordert, den Übergang in ein erdölfreies Zeitalter vorzubereiten.
Berliner Zeitung, 01. September, Umwelt
Die Kiwis aus Neuseeland haben sie von ihrem Speisezettel längst gestrichen, auch Äpfel aus Südafrika kommen nicht in die Einkaufstüte. Locavores, zu Deutsch Nahesser, ernähren sich von dem, was aus der Region stammt. Nicht weiter als 200 Kilometer zum eigenen Haus dürfen Kartoffeln, Tomaten und Gurken reisen. Diese Beschränkung basiere nicht nur auf der besseren Klimabilanz, sondern auch auf der besseren Qualität der nahen Produkte, sagen die Überzeugten.
Wer ein lupenreiner Nahesser sein will, kommt um Bio-Produkte nicht herum. In Fertigwaren stecken zu viele Bestandteile, deren Herkunft die Kunden kaum überblicken können. Andererseits: Bio allein genügt nicht. Seitdem aus dem ökologischen Landbau ein weltweites Geschäft geworden ist, werden Bio-Produkte in etwa 120 Ländern angebaut, so der Bund ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) in Berlin. Was nützt es aber schon, wenn Lebensmittel ökologisch angebaut werden, aber zum Kunden um die halbe Welt reisen? Ein Apfel, der aus Chile nach Berlin eingeflogen wird, wurde mit der 520-fachen Menge Energie im Vergleich zu einem Apfel vom Bodensee erzeugt, so Nutzpflanzenwissenschaftler Jens Wegner von der Universität Göttingen. Allein in einer Scheibe Brot können bis zu sechs verschiedene Getreidesorten enthalten sein, die eventuell aus Frankreich oder sogar Kanada stammen, sagt Joachim Weckmann, Geschäftsführer der ökologisch produzierenden Firma Märkisches Landbrot.
In Deutschland sind waschechte Nahesser noch selten. In Berlin haben sich die 40 Mitglieder der Initiative In Transition das Nahessen auf die Fahnen geschrieben. Um Fertigwaren machen sie einen Bogen, ebenso um Supermärkte. "Man muss Essen ein Stück weit neu erfinden", sagt Nahesserin Claudia Spiller. Sie ernährt sich bereits seit sieben Jahren ausschließlich von Bio-Produkten. Auf ihrem Speiseplan: saisonale Produkte. Im Winter gibt es keine Tomaten, im Herbst keinen Spargel. Lebensmittel, auf die sie nicht verzichten will, kocht sie ein. "Vor 100 Jahren war das ja noch normal."
Ihr Gemüse bekommt Claudia Spiller vom Ökobauern Simon Junge aus dem Spreewald. 2,5 Hektar Acker und drei Hektar Weideland besitzt Junge, dazu vier Kühe und eine Handvoll Hühner. Der Öko-Bauernhof "Löwengarten" ist überschaubar und produziert doch genug Obst und Gemüse für 60 Familien. Möhren und Kartoffeln wachsen auf dem Pritzener Hof, außerdem Kürbisse, Wurzelgemüse, Zucchini, Tomaten und Salat. Gelernt hat Junge sein Handwerk in einem konventionellen Bauernbetrieb. Doch er hatte schnell die Nase voll von hybriden Rapssorten, die Probleme haben zu reifen, und minderwertigen Möhrensorten, die rasch verderben. "Wir zerstören zuerst den Boden und dann uns selbst", sagt er heute.
Mit einem geschenkten Spaten in der Hand und Ich-AG-Papieren in der Tasche machte sich Junge 2006 daran, ökologische Lebensmittel zu erzeugen. Seitdem will er auch für Brandenburg untypische Gemüsesorten auf dem märkischen Sandboden heimisch machen. Schließlich stammen fast alle heute bei uns gängigen Obstsorten ursprünglich aus Persien und das Getreide aus dem Orient. In dieser Tradition sollen demnächst Melonen, Feigen und sogar ostasiatische Yam und Batate im Spreewald sprießen. Die Chancen, dass das klappen könnte, stehen gar nicht schlecht: Sonnenblumenkerne werden mittlerweile in Franken produziert, in der Freiburger Region gedeiht sogar Soja.
Einmal in der Woche bringt Junge seine Lebensmittel nach Berlin. "Löwengarten"-Mitglieder zahlen einen Monatsbeitrag von zehn Euro, aktive Mitglieder legen außerdem einen Jahresbeitrag von 500 Euro auf den Tisch. Die Kunden sollen aber nicht nur kaufen, sondern auch produzieren. Wer Mitglied im Löwengarten werden will, muss mindestens drei Tage im Jahr auf dem Spreewald-Hof aushelfen.
Morgenpost vom 05. Juli 2010, Berlin-Teil:
Eine Bürgerinitiative aus dem Kiez SO 36 möchte im Frühjahr oder Herbst 2011 etwa 20 bis 30 Obstbäume im Görlitzer Park anpflanzen, in der Nähe des einstigen Pamukkale-Brunnens. Sie sollen von Anwohnern gepflegt werden. Jedermann soll ernten können. Die Initiative plant außerdem, einen Obstbaum-Lehrpfad anzulegen und einmal im Jahr Anwohner zu einem Lehrgang für den Obstbaumschnitt einzuladen. Das Projekt ist auf einer Ideenwerkstatt des Bezirksamtes zum Görlitzer Park vorgeschlagen und diskutiert worden. Infos unter Tel. 61 65 24 66. saf
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Energiewende-Initiativen in Deutschland
Transition-Towns – lokale Schritte für eine Kulturwende
Peak Oil (globales Ölfördermaximum, s. W+G 122, S. 28) und Klimawandel sind zwei große Herausforderungen,
vor denen wir in naher Zukunft stehen werden oder schon stehen. Wie wir damit umgehen und lokale
Lösungen finden können, zeigen die ersten Transition-Town-Initiativen in Deutschland. Die Bezeichnung Transition-
Town kommt aus dem Englischen und heißt wörtlich übersetzt ‚Stadt im Übergang‘, Übergang von einer
Gesellschaft, die abhängig ist von fossilen Energieträgern hin zu einer ‚postfossilen Gesellschaft‘. Im Deutschen
wir dafür auch der Begriff Energiewende-Stadt benutzt.
Weltweit fanden gestern die Parking Days statt. Die Initiative RepairBerlin besetzte Parkplätze in der Friedrichstraße. Zwischen Mercedes und Modeboutiquen wurde getanzt und gegärtnert.
Parking Day in MünchenFoto: dpa
Auf der Friedrichstraße fiele Anja Steglich mit ihren engen, dunklen Jeans und den Lederstiefeln nicht auf, würde sie nicht gerade einen Rollrasen auf einem Parkplatz verlegen. Neben einem roten Mercedes SLK und gegenüber der Deutschen Bank hat sie ihren Platz gefunden. Bezahlt hat sie ihn mit einer Handvoll Euromünzen, die sie in den Parkautomaten geschmissen hat. " ,Park' steckt ja schon im Wort ,Parkplatz' drin. Wir wollen kleine Parks in der grauen Betonlandschaft entstehen lassen", sagt Steglich.
Weltweit fanden am Freitag in vielen Metropolen sogenannte Parking-Day-Aktionen wie die von der Initiative RepairBerlin statt. Der Trend stammt aus San Francisco und wurde 2005 von einer Gruppe aus Architekten, Künstlern und Urbanisten initiiert. Die Methode ist einfach: Parkplatz mieten, Rasen ausrollen, darauf tanzen, essen, trinken - eben Spaß haben.
Sechs Projekte wurden von RepairBerlin aus 20 Bewerbern ausgewählt. Sie sollen in einem Wettbewerb gegeneinander antreten. Die Palette der Wettstreiter ist bunt gemischt: Transition Town, eine Energiewende-Initiative, will von den Besuchern wissen, wie die autofreie Stadt aussieht, und lässt sie ihre Vorstellungen auf eine Leinwand malen. Am Parking der Guerilla Gardener vom "Prinzessinnengarten" darf jeder Passant in einem Biogemüsecontainer gärtnern.
VON ANTJE LANG-LENDORFF
Ernten darf, wer drankommt.Foto: AP
Die Sonne knallt vom Himmel, aber unter den Pfirsich-, Kirsch- und Apfelbäumen im Görlitzer Park ist es angenehm kühl. Wer Zeit hat, setzt sich auf eine der schattigen Holzbänke rund um die Stämme. Ab und zu steht einer auf und pflückt sich einen Apfel. Ein Frau spuckt Kirschkerne in hohem Bogen in den Mülleimer. So lässt es sich leben im Sommer in Kreuzberg.
Tagesspiegel
21.07.2010 09:56 Uhr Von Daniela Martens
PAMUKKALE-BRUNNEN
Geheimrat Oldenburg ist fein süßsäuerlich. Im Herbst 2011 werden Berliner im Görlitzer Park einfach die Hand ausstrecken, einen Geheimrat pflücken und dann in seine gelbgrüne bis rote Schale beißen können – wenn es nach Claudia Spiller und anderen Anwohnern des Parks geht. Sie wollen dort Apfelsorten und weitere Obstbäume pflanzen und pflegen. „Im Moment ist der Park ja eher eine Steppe“, sagt Claudia Spiller. Nicht nur deshalb hatte die 41-Jährige die Idee, daraus einen Obstgarten zu machen: „Mit alten Sorten wie dem Geheimrat, die sonst nicht mehr angebaut werden.“
Tagesspiegel
20.07.2010 22:57 Uhr Von Gerd Nowakowski
VON TAG ZU TAG
Gerd Nowakowski findet Obstbäume im Görlitzer Park eine schlaue Idee
Was der alte Herr von Ribbeck zu Ribbeck im Havelland dazu sagen würde, muss hier leider offen bleiben. Bei ihm in Ribbeck ging es freilich auch nur um Birnen. Vermutlich aber hielte er es für eine gute Idee, im Görlitzer Park zu Kreuzberg eine zünftige Streuobstwiese anzulegen, mit alten Apfelsorten, damit die Eingeborenen mal was Gesundes vom Baum pflücken können. Berlin – du nährende Stadt. Das ist doch mal was – und das neben dem seit langem zerbröselnden Pamukkale-Brunnen, der immer nur Versprechen, aber nie Erfüllung war. Statt einer sprudelnden Wasserlandschaft gibt es dafür im Sommer nur wallenden Staub und ansonsten lange Prozesse. Anstelle der aus Steuermitteln finanzierten Millionen für den Brunnenbauer bekommen die Berliner nun wenigstens einen Appel zurück. Wer wollte da meckern. Und gemeckert wird in dem hoffnungslos übernutzten Görlitzer Park schon genug. Was für ein Sinnbild: die Frucht der Liebe, gepflückt direkt vom Baum, und das im aggressiven Berlin. Nicht, dass nun sofort paradiesische Zeiten anbrechen, aber da kann was wachsen. Vergesst den Babyboom in Prenzlauer Berg, jetzt kommt Kreuzberg.
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